Quer durch die Worte kommen Reste von Licht. (Franz Kafka)

 

 

*  27.05.1945 in Steinheim/Westfalen

Kindheit und Jugend in Duisburg

Studium in Münster (Germanistik und Romanistik)

Realschullehrer in Duisburg seit 1969

von 1972 bis 1996 in Altenkirchen im Westerwald

Lebt in Oberdreis

Auszeichnungen: 1985 Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz

1996 Joseph-Breitbach-Preis (heute: Georg-K.-Glaser-Preis)

2011 Übersetzerpreis (mit Hanju Yang) des Korea Literature

Translation Institute für den Roman Schwarze Blume von

Kim Young-ha

 

 

  Heiner Feldhoff
 

 

 

   Ein Gedicht war mein Leben,

   warum schrieb ich es nicht?

   Ich konne nur eines:

   Ich lebte das Gedicht.

                    H.D. Thoreau

 

Statt eines Lebenslaufs                                                              

Geboren bin ich im Mai 1945, habe also im Bunker des Mutterleibs überlebt. Die allererste Kindheit verbrachte ich am Niederrhein, die Jugend dann in Duisburg, davon erzählt, noch im alten Jahrhundert, mein Buch Waffelbruch, ein Langgedicht. Nach dem Abitur am Max-Planck-Gymnasium in Meiderich studierte ich in Münster Germanistik und Romanistik, machte der Liebe und der ärgerlichen Abhängigkeit vom Elternhaus wegen rasch die notwendigen Examen und übernahm, noch in Duisburg, an der damaligen Annette-von-Droste-Hülshoff-Realschule als Lehrer eine Planstelle.

Nachdem der Vater 1971, nachdem in gewisser Weise auch Gott gestorben war, schrieb ich Ich wollt, ich wär der liebe Gott. In der Vaterlosigkeit war ich inzwischen aufs Land gewechselt, in den Westerwald gezogen, aber das half nicht weiter, acht Jahre später hieß der nächste Gedichtband Wiederbelebungsversuche, alles Mögliche wurde darin reanimiert, aber naturgemäß nicht das oder der Eigentliche. Es war die Zeit des politischen Engagements, der Westerwald eine mitunter rauhe, kalte Gegend, zuzeiten aber auch lieblich und, damals im alten Jahrhundert, vielerorts noch richtig einsam und still; einmal, als ich so für mich hin nachmittags über die Felder ging, traf ich auf einen Landmann, der musterte mich von oben bis unten und fragte mitleidig: Na Jung, schaffste nix?

Die öffentliche Illusion, der sozial-demokratische Mensch könne es schon schaffen, war groß, zur Not, wenn nicht solidarisch mit anderen, auch allein. Doch die Kälte der Vergeblichkeit, die Einsamkeit blieben, es blieb: Die Notwendigkeit, bibbernd zusammenzurücken, Gedichte, Gedichte, bald darauf Tuchfühlung, womit ich auch an die Familie und den Vater, den Textilhändler, anschloß. Allmählich hatte mich der Westerwald in seiner herben Schönheit und Vielfalt für sich eingenommen, Rückkehrwünsche in die Stadt erstarben, Als wir einmal Äpfel pflücken wollten nannte der Lektor mein Buch, der erste Titel, den ein anderer festsetzte. Das Apfel-Gedicht hatte eine Besonderheit: die Titelzeile stand da als Unterschrift, nicht als Überschrift, verstärkte also den Charakter einer Besiegelung: So ist es, so soll es gut sein.

Mehr Licht! suchte und fand ich dann aber in der Provence und in eigenen poetischen Notizen aus Roussillon, dem Ockerdorf, Becketts Zufluchtsort im 2. Weltkrieg, oder aus Lourmarin, wo Albert Camus begraben liegt. Über Camus schrieb ich, noch in meinen Lehrerjahren an der Kooperativen Gesamtschule in Altenkirchen, eine kleine Biographie, Paris, Algier, nachdem ich zuvor die Lebensgeschichte des Henry David Thoreau verfaßt hatte, also jenes Mannes aus Concord/Massachusetts, der Walden oder das Leben in den Wäldern geschrieben hat und als Begründer des Zivilen Ungehorsams gilt. Zur Vorbereitung der Manuskripte von Paris, Algier sowie Vom Glück des Ungehorsams ging ich auch an den Wochenenden in meine Realschule, wo ich in leeren Klassenräumen die vielen hundert Dokumente und Konzeptpapiere auf den Bänken verteilen konnte.

Und einmal habe ich gemeinsam mit meinen Schülern ein Büchlein herausgebracht: Von Bäumen und Menschen, es enthielt wunderbare Geschichten aus ihrem Leben. Wie stolz war ich, als ihr Erzähltrainer, sie ihnen entlockt zu haben. Stolz war ich auch, daß es einige meiner Gedichte in die Lesebücher schafften, darunter Fünfzig verwünschte Schlümpfe, 50 zungenbrecherische Varianten, von „Fünfzisch verzüchtete Lümpel“ über „Fünzich hühlümpische Münchel“ bis zu „Fünfviech vermünschte Sümpel“. Ein andermal veranstaltete ich den bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerb „Gedichte zum Auswendiglernen“, selbst dpa machte mit, die Schlagzeile „Tausend Mark für ein Gedicht“ lieferte mir tatsächlich tausend Gedichte zeitgenössischer, also lebender Autoren ins Haus, das Preisgeld hatte ich mir von zwei Volkshochschulen besorgt. Juroren waren die Schüler selbst, sie wählten keinen Etablierten, also nicht Robert Gernhardt, Ernst Jandl oder Peter Rühmkorf oder andere Prominente, die ich zur Teilnahme hatte anstiften können, Rose Ausländer lebte noch, auch Hilde Domin – die Schüler entschieden sich für einen Bergmann aus Ahlen, für einen Arbeiterschriftsteller, wie man damals sagte, für Herbert Berger und sein Gedicht Zwölf Sekunden, das die letzten Sekunden, damals noch ohne Werbung, vor der Tagesschau beschreibt, private Ahnung und Gegenwart kurz vor der überwältigenden Aktualität. Übrigens hatte ich mich unter Pseudonym mit einem eigenen Gedicht beteiligt, und war, schon wieder, stolz, ziemlich weit vorne in der Gunst der Schüler gelandet zu sein.

Als ich für alle Beteiligten überraschend aus dem Schuldienst ausschied, am überraschendsten für mich selbst, begann ich mein bis heute unveröffentlichtes Tagebuch eines Dienstunfähigen, immerhin hat das von mir ins Auge gefaßte Nachlaßarchiv in Münster bereits sein Interesse an der Aufbewahrung bekundet.

Inzwischen war ich, über das lyrisch Verknappte hinaus, beinahe unversehens in die Prosa geraten; da mir die täglichen jugendlichen Gesprächspartner abhanden gekommen waren, machte ich mir zunehmend Notizen. Als das erste Notizbuch vollgeschrieben war, ließ ich es in der Straßenbahn, von einer Heidegger-Vorlesung heimkehrend, auf der Strecke Bonn-Siegburg liegen, – in meiner Verzweiflung über diesen Verlust schrieb ich immer heftiger und häufiger Erlebtes, Erlesenes, Erdachtes nieder, ließ mich auch anregen von den Großmeistern der kleinen Prosa, literarischer Aufzeichnungen und Aphorismen, ich nenne hier nur Jules Renard, Elias Canetti und Peter Handke, und brachte schließlich Kafkas Hund heraus. Dem Untertitel Der Verwirrte im Sonntagsstaat ist anzumerken, daß er etwas mit dem elterlichen Textilhaus und der Frömmigkeit meiner Familie zu tun haben könnte; paradox das Langwort „Kürzestgeschichten“ für diese Prosaminiaturen. Und zudem deren Vielzahl, hunderte …

Meinte der Titel des nachfolgenden Erzählbands Der löchrige Himmel, nicht ebenfalls eine religiöse Dimension? Vordergründig bezog er sich auf ein Stillgelegtes Fahrzeug, ein frühes Gedicht –  der Künstler spielt ja nicht ungern mit metaphysischem Tiefsinn. Und täuscht sich in diesem Wechselspiel von Oberfläche und Tiefe oft selbst. Nietzsche war ein Meister dieses Maskenspiels – über ihn habe ich, maskiert als Biographie seines Freundes Paul Deussen aus Oberdreis (wo ich wohne), mein umfänglichstes Buch geschrieben. Nietzsches Freund führte zur Freundschaft mit seinem gleichnamigen Enkel aus New York, zu einer Übersetzung ins Rumänische und zu Paul Deussen und ich. Nachträge aus Oberdreis.

Im Zeichen der Globalisierung ging’s weiter. So habe ich in aufregender Zusammenarbeit mit einer Koreanerin den historischen Roman Schwarze Blume von Kim Young-ha sowie surrealistische Erzählungen von Ysang übersetzt, letztere unter unserem Titel Betriebsferien und andere Umstände, indem ich die Rohfassungen von Hanju Yang in ein literarisch gültiges Deutsch umwandelte, eine Knochenarbeit, für die wir aber schließlich hohe Anerkennung fanden.

Doch lange genug hatte mich das Fremde vom Eigenen abgehalten. Mit der poetischen Kurzprosa in Becketts Hose ging es anspruchsvoll, aber praktisch unverkäuflich weiter, fast alle Verleger meiner Bücher machten auf die Dauer pleite. Die belebenden Erfahrungen beim biographischen Schreiben motivierten mich, meine in langen Jahren oft in der Nacht festgehaltenen Erinnerungsnotizen zu einer Familiengeschichte zu bündeln, zumal meine wichtigste Zeitzeugin, die eigene Mutter, uralt geworden, nicht mehr lange zu befragen sein würde. Die Sonntage von Duisburg-Beeck fanden in der Heimatstadt und darüber hinaus eine große Beachtung, in der sogenannten Kritik gar keine. Das erste Kapitel einer möglichen Fortsetzung erschien dann in der Anthologie Die untergründigen Jahre, in welcher die damals „alternativen“ Autoren aus der Zeit um und nach 1970 erzählen.     

 

                                                                                  Wird fortgesetzt                                      

                                                                                                                    

 

   
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