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Quer durch die Worte kommen Reste von Licht. (Franz Kafka)

 

- Thoreau - Der Begründer des "zivilen Ungehorsams"

 

Ziviler Ungehorsam

In der Experimentierphase eines freien Lebens gab es jedoch einen Tag, genauer gesagt: eine Nacht der Unfreiheit. Im Juli 1846 wurde Thoreau auf dem Weg zum Schuster vom Konstabler des Ortes aufgefordert, endlich seine seit Jahren ausstehende Wahl- bzw. Kopfsteuer zu entrichten. Thoreau zahlte nicht - aus Prinzip, denn er befand, daß etwas faul war im Staate Massachusetts.

Erbost über die laue Haltung des Nordens in der Sklavenfrage, von den humanitären Lippenbekenntnissen auch eines so bedeutenden Senators wie Daniel Webster angewidert, dem letztlich die Aufrechterhaltung von Schutzzöllen und die Einheit der »Staaten« wichtiger waren als die Reinheit der politischen Moral, mochte sich Thoreau nicht länger aus dem Streit der Welt heraushalten.

Punktuell war er durchaus bereit, sich in das üble Geschäft der Politik einzumischen, aber wählen ging er niemals; er wollte seine Stimme nicht »abgeben«, sie in einer Wahlurne bestatten. Anders als im Verhältnis zur allwaltenden, herzlichrauhen Mutter Natur war ihm Vater Staat stets suspekt beziehungsweise gleichgültig; die Regierung galt ihm als beste, »welche gar nicht regiert« und darauf verzichtet, Menschen zu Untertanen, zu Maschinen, zu willenlosen Dienstleistenden verkommen zu lassen.

»Dieses Volk muß aufhören, Sklaven zu halten und gegen Mexiko Krieg zu führen, auch wenn es seine Existenz als Volk kosten sollte.«

Das freundliche Angebot des Konstablers Sam Staples, Henry die Steuerschuld, einen Bagatellbetrag, vorzustrecken oder beim Stadtrat eine Stundung zu beantragen, stieß auf taube Ohren. Da blieb dem braven, pflichtbewußten Mann nichts anderes übrig, als den Renitenten zu verhaften und ins Gefängnis zu befördern.

Warum der sonst so gutmütige Konstabler sich diesmal entschlossen hatte, ein Exempel zu statuieren, kann nur vermutet werden.  Vielleicht war der aktuelle Krieg mitTexas hatte sich von Mexiko gelöst und der Union angeschlossen. Diese wollte nun auch Kalifornien und Neumexiko in ihren Besitz bringen. Ein Kaufangebot wurde von Mexiko abgelehnt. Zum Streit kam es aber auch innerhalb der Union, da sich in den neuen Gebieten, wo wie im übrigen Süden Baumwollplantagenwirtschaft mit Negersklaven betrieben wurde, zwangsläufig die Sklaverei ausdehnen würde. Seit 1820 war mit dem Missouri-Kompromiß der 36°30' nördliche Breitengrad als Grenze der Sklaverei festgelegt: eine Schicksalslinie der USA.

Thoreau, der bei aller Verachtung des politischen Alltags klare fundamentale Positionen bezog, die sich am Naturrecht und an den Menschenrechten orientierten, war nicht der erste, der als Steuerverweigerer mit der Staatsautorität in Konflikt geriet; schon Freund Alcott hatte diese Erfahrung gemacht, war aber nicht hinter Gitter gekommen. Thoreaus Großfamilie galt regional als eine Anlaufstelle der Sklavereigegner, der »Abolitions«. Flüchtigen Sklaven gewährte sie Unterschlupf, und sie half ihnen auf dem Weg in die Freiheit nach Kanada.

Die Transzendentalisten um Emerson lehnten den Mexiko-Krieg entschieden ab. Der schöne Dialog beim nächtlichen Besuch Emersons in der Zelle Thoreaus (vielleicht hat er aber auch später stattgefunden, das ist unerheblich) soll hier nicht fehlen. Emerson: »Henry, warum bist du hier?« Thoreau: »Warum bist du nicht hier, Waldo?«

Zwei Jahre später formulierte es Thoreau so:

»Unter einer Regierung, die irgend jemand unrechtmäßig einsperrt, ist das Gefängnis der angemessene Platz auch für einen gerechten Menschen.«

Hier im Gefängnis könnten der entflohene Sklave, der mexikanische Kriegsgefangene und der mißhandelte Indianer - die Leidtragenden der politischen Verbrechen jener Zeit -den solidarisch Mitleidenden, den zivilen Ungehorsamen, den die (Kriegs-) Steuer Verweigernden antreffen. In seinem berühmten Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat stilisiert Thoreau den eigentlichen Anlaß, die Nacht im Gefängnis, zu einer heftigen Globalkritik an stumpfsinnigen Menschenmassen und ihrer Mehrheitsarroganz, an gewissen­los Regierenden, die Jeffersons Staatsideal verrieten, nämlich das Recht des Individuums auf Leben, Freiheit und Glück sicherzustellen.

Dabei stellte Thoreaus Einkerkerung keine besondere Beeinträchtigung seines Wohlbefindens dar, im Gegenteil, es ging in Sam Staples' Gewahrsam recht kommod zu. Hinzu kommt, daß der Sträfling, nachdem die verschreckte Familie so schnell wie möglich die Steuerschuld beglichen hatte (wahrscheinlich noch in der Nacht durch Tante Maria), am frühen Morgen in seinen Wald entlassen wurde. Nur unter Protest verließ er den Ehrenort; es scheint, als hätte er angesichts des allzu kurzfristigen Freiheitsentzugs den Mangel an symbolischer Demonstrationsstärke gespürt. Vielleicht brannte in Thoreau, in den christlichen Tiefenschichten seiner Seele, eine Sehnsucht nach Märtyrertum und Passion, die sich nun enttäuscht fühlte. Ein wenig kleinlaut und wohl doch aufatmend verkroch er sich Minuten später in die Heidelbeerbüsche, wo nichts vom bösen Staat zu sehen war.

Thoreau im Februar 1848 in Concords Lyzeum:

»Wenn tausend Menschen dieses Jahr ihre Steuer nicht bezahlten, so wäre das keine gewaltsame und blutige Maßnahme - was es aber wäre, wenn sie bezahlten und damit den Staat in die Lage versetzten, Gewalt anzuwenden und unschuldiges Blut zu vergießen.«

In einer Zeit, in der »sechs Millionen Negersklaven täglich im Durchschnitt sechzig Millionen Peitschenhiebe auf bloßem Leibe empfangen und drei Millionen europäischer Weber unter Hunger und Kummer in dumpfen Kammern oder trostlosen Fabriksälen schwach vegetieren« (so Schopenhauer in den Kleinen Philosophischen Schriften), wollte sich der sensible Thoreau nicht mit Relativierungen und geduldiger Öffentlichkeitsarbeit begnügen. Wie er in seiner Waldklause aus Sehnsucht nach dem Absoluten bestrebt war, das Aufleuchten einer höheren Wirklichkeit in den einfachen, natürlichen Dingen zu erfahren, so machte er auch im politischen Zusammenhang ein »höheres Gesetz« für sich geltend; er sah sich im Besitz des absoluten Gewissens, das ihn berechtigte, Forderungen der staatlichen Gemeinschaft, also zum Beispiel Steuerzahlungen, nicht nachzukommen.

»Darf der Bürger auch nur für einen Augenblick und im geringsten Grad sein Gewissen dem Gesetzgeber überlassen? Wozu hat denn jeder Mensch ein Gewissen?«

Die Kategorie eines solchen Gewissens, das sich radikal ethischer Unbedingtheit verpflichtet, war damals und ist auch heute schwerlich als allgemeinverbindliche Sozialtugend vorauszusetzen. Es bedarf oft erst eines Thoreau, eines Gandhi, eines Martin Luther King, um durch den Aufruf zu sogenannten Ordnungswidrigkeiten, zu Gehorsamsverweigerung und Regelverletzung die schwerfällige, schweigende Mehrheit wachzurütteln, damit eklatantes Unrecht beseitigt werde. Daß führende Widerstandskämpfer gar ihr Leben einzusetzen bereit sind, beweist, wie sehr sie sich in die moralische Pflicht genommen sehen: diesen »Erleuchteten« obliegt die Pflicht zum Ungehorsam.

Aber auch wir einfachen, normalen, kritischen westlichen Zeitgenossen (jedes einzelne Wort könnte in Anführungszeichen stehen), ohne Charisma und Genialität, ohne die Sicherheit, aus einem moralischen, übergesetzlichen Notstand heraus zu handeln, ausgestattet mit einem subjektiven Gewissen, das sich durchaus irren kann, denke ich - wir alle sind dennoch aufgefordert, nicht auf die so seltenen Thoreaus, Gandhis, Kings zu warten, sondern bei aller Respektierung des demokratischen Mehrheitsprinzips von unserem republikanischen Bürgerrecht auf Unbotmäßigkeit, auf Abwehrmaßnahmen gegen den Übervater Staat, gegen die Industrialisierung des Lebens Gebrauch zu machen, um die täglich neuen Todesurteile gegen Abertausende von Menschen, Tieren, Pflanzen in Freisprüche zu schöpfungswürdigem, naturgemäßem Leben umzuwandeln.

Thoreaus Essay, der erst posthum On The Duty Of dvil Disobedience genannt wurde, wendet sich nicht nur gegen die Unterdrückung von Gewissensentscheidungen, sondern auch gegen jene heuchlerische Halbherzigkeit, die, am Beispiel von Thoreaus Mitbürgern in Massachusetts, die Sklavenhaltung in den Südstaaten verurteilt, dem eigenen Staat aber durch Steuerleistung einen Angriffskrieg finanziert, der, neben anderen entsetzlichen Folgen, die Zahl der Sklaven erhöht. Thoreau wetterte gegen »Menschen, für die die Frage der Freiheit hinter der des Freihandels rangiert und die nach dem Essen in aller Ruhe neben den Tagespreisen die neuesten Nachrichten aus Mexiko lesen und über dieser Lektüre vielleicht noch einschlafen.«

Nur in Thoreaus persönlicher Umgebung fand diese Kampfschrift, zumal erst als Vortrag gehalten, Beachtung; im Lande blieb die Resonanz aus. Wer las auch schon die Ästhetischen Papiere! In dieser Zeitschrift versteckte sich Thoreaus Essay unter dem Titel On Resistance to Civil Government für geraume Zeit.

Erst viele Jahrzehnte später erlangten Thoreaus Gedanken über gewaltfreie Verweigerung und passiven Widerstand überregionale, ja internationale Bedeutung. 1907 veröffentlichte Mahatma Gandhi Teile aus Civil Disobedience in einer Zeitschrift und erklärte den Essay zur Pflichtlektüre für seine Anhänger. Im Gefängnis in Südafrika fand er in der Ungehorsamsschrift des Henry David Thoreau immer wieder moralischen Rückhalt und das ausgesprochen, was ihn bewegte:

»Eine Minderheit ist machtlos, solange sie sich der Mehrheit anpaßt; sie ist dann nicht einmal eine Minderheit; aber sie ist unwiderstehlich, wenn sie mit ihrem ganzen Gewicht >zur Last fällt<«.

1944 liest Martin Luther King während seines Studiums Thoreaus Essay. Nach dem Busboykott in Montgomery, dem Schlüsselerlebnis der Bürgerrechtsbewegung in Amerika (1957), erinnert er sich:

»Der Gedanke, daß man sich weigern solle, mit einem bösen Staat zusammenzuarbeiten, faszinierte mich so sehr, daß ich das Werk mehrmals las.«

Thoreau hat die Widerstandsgruppen gegen die deutsche Okkupation in Frankreich, Dänemark und den Niederlanden, auch die Arbeiterbewegung in England nachweislich beeinflußt; Tolstoi, Proust, Hesse, Buber und viele andere haben seine Schriften gepriesen.

Zeitgemäße Protestformen (wie Boykotts gegen Stromzahlungen oder gegen die Volkszählung, Sitzblockaden, »wilde« Streiks, Menschenketten, Selbstanzeigekampagnen, Besetzen von Häusern, Fabrikschornsteinen, Kraftwerkstrommasten) sind aus dieser historischen Einübung in den zivilen Ungehorsam zu erklären. Dabei wird heute gerne vergessen, daß politisch motivierte, nichtkriminelle, gewaltlose und doch gesetzwidrige Gehorsamsverweigerung gemäß Thoreaus klassischer Widerstandsschrift bereit sein muß, die strafrechtlichen Konsequenzen auf sich zu nehmen. Der Rechtsfrieden ist für ein soziales Gemeinwesen zu kostbar, als daß er ohne persönliches Risiko für den Prostestierenden verletzt werden könnte. Anarchistische, systemsprengende Ideen waren Thoreau fremd:

»Von einem niederen Standpunkt aus gesehen ist die Verfassung trotz all ihrer Fehler sehr gut, das Gesetz und die Gerichtsbarkeit achtenswert; sogar dieser Staat und diese amerikanische Regierung sind in vieler Hinsicht bewundernswert und seltene Gegebenheiten, für die man dankbar sein muß, was ja auch so viele zum Ausdruck gebracht haben.«

Aber sein »etwas höherer Blickpunkt« ließ Thoreau in der konkreten Situation keine Alternative; seine Aktion gezielter Steuerverweigerung - ausdrücklich betonte er, die Straßensteuer stets ordnungsgemäß entrichtet zu haben - verstand er als emotionalen Appell an Mitbürger und Hoheitsträger, falsche, gewissenlose Entscheidungen zu korrigieren.

»Wenn das Gesetz derart ist, daß es von dir verlangt, zum Agenten des Unrechts an einem anderen zu werden, dann, sage ich, brich das Gesetz.«

So sprach und schrieb der Bürger eines souveränen, freiheitlichen Rechtsstaats und nicht (wie Gandhi) der Repräsentant eines unterdrückten Volkes. Bis heute ist die öffentliche Diskussion darüber im Gange, wieviel Toleranz der demokratische Staat angesichts von Sachbeschädigungen, Hausfriedensbrüchen und Nötigungstatbeständen auch bei sogenannten gewaltfreien Demonstrationen aufzubringen bereit ist. Schließt nicht das parlamentarische System mit seiner legalen Opposition, seiner Pressefreiheit, seinem staatlichen Gewaltmonopol illegale Akte des Ungehorsams aus? Gilt Thoreaus individuelle Unfehlbarkeitsinstanz, das Gewissen - immerhin in Artikel 4, Absatz 1 des Grundgesetzes verankert -, auch für kollektive Manifestationen der Empörung? Deutet nicht aber ziviler Ungehorsam unmittelbar auf Krisen und Probleme einer Gesellschaft hin und verdient daher nicht nur moralische Anerkennung, sondern unter Umständen sogar juristischen Freispruch? Der Jurist Ralf Dreier hat folgende Rechtfertigungsformel angeboten:

»Jeder hat das Recht, allein oder gemeinsam mit anderen öffentlich, gewaltlos und aus politisch-moralischen Gründen den Tatbestand einer Verbotsnorm zu erfüllen, wenn er dadurch gegen schwerwiegendes Unrecht protestiert und sein Protest verhältnismäßig ist.«

Ob sich ein Thoreau heute an die engen Grenzen dieser liberalen Rechtsauffassung hielte, die zivilen Ungehorsam immerhin in Ausnahmefällen grundrechtlich zuläßt, muß mit Blick auf den militärischen Irrsinn unserer Zeit, auf Umweltkatastrophen, auf die nicht beherrschbare Atomkraft, auf Greuelperspektiven der Gentechnologie bezweifelt werden. Ein Thoreau heute, in unserer bundesdeutschen Sprache ausgedrückt, verstünde sich als Totalverweigerer. Jeglicher sogenannter Zivildienst, so spekuliere ich einmal in undankbarer Ausnutzung meiner Autorenfreiheit, gälte ihm bereits als Schützenhilfe für diesen Staat, der, »von einem etwas höheren Blickpunkt aus«, nicht der seine wäre.

Bliebe Thoreau friedlich? Ergriffe ihn nicht die revolutionäre Ungeduld in einer Welt, die sich anschickt, den letzten Wassertropfen zu verpesten, den letzten Baum zu fällen, den letzten Singvogel auszurotten, den letzten freien Menschen unter »Datenschutz« zu stellen?

Thoreau sollte in seinem eigenen Leben einer Einsicht folgen, die Gandhi später so ausdrückte:

»Gewaltlosigkeit ist besser als Gewalt; Gewalt ist besser als Feigheit.«