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Quer durch die Worte kommen Reste von Licht. (Franz Kafka)

Die Thoreau-Hütte am Waldensee

Walden Hütte ?

             zeigt dieses Foto nicht; zu sehen ist hier eine Schutzhütte im Oberdreiser Wald.

 

 

  Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Heiner Feldhoff  

 

Sehet die Wildente,

schöner und schneller als ihr zahme Verwandte – wie sie herrlich und leicht sich aus dem fallenden Tau emporhebt und über der Niederung dahinschwingt: so auch der freie und wilde Gedanke!

Kurz gesagt, alle guten Dinge sind wild und frei. Es liegt etwas im Wesen der Musik, ob sie nun von einem Instrument oder der menschlichen Stimme herrührt (man denke z. B. an den Klang des Waldhorns in der Sommernacht), das mich in seiner Wildheit (ohne jede Ironie) an die Schreie wilder Tiere in ihren Ursprungswäldern gemahnt. Hier spüre ich so viel Wildheit, wie ich verstehen kann. Meine Freunde und Nachbarn seien wilde Menschen, nicht zahme Leute! Und dabei ist die Wildheit solcher „Rohlinge“ nur ein schwaches Abbild jener natürlichen Ungezwungenheit, mit der sich gute Menschen und Liebende begegnen.

Aus: Vom Wandern (Walking)

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Ausschnitte aus: Vom Glück des Ungehorsams
Die Lebensgeschichte des Henry David Thoreau

© Heiner Feldhoff

 

 - Thoreau - Der Naturapostel

 

 Walden oder Leben in den Wäldern

 Henry David Thoreau zählt zu der Minderheit von Menschen, die sich mit der Welt, so wie sie ist, nicht von vornherein arrangieren, sondern sich erlauben, Fragen zu stellen: ein Unangepaßter, ein Oppositioneller, ein geborener Protestant. Viele seiner paradoxen Aussagen hat man als rhetorische Tricks entlarven wollen (auch Emerson beklagte ja dieses Verfahren), aber nicht wenige Maximen hat Thoreau in die Tat umgesetzt. Das biblische Gebot: »Sechs Tage sollst du arbeiten ...« kehrte er einfach um! Tatsächlich reichte ihm ein Tag fremdbestimmter Gelegenheitsarbeit pro Woche, genügten ihm dreißig bis vierzig Arbeitstage im Jahr; im übrigen nahm er sich »das Leben«, nahm er sich seine Zeit, ließ sie sich nicht von den Herrgöttern Ehrgeiz, Machtstreben, Gewinnsucht stehlen.

Selten finden wir in der Geistesgeschichte Männer (Frauen übrigens häufiger), deren Denken und Handeln kongruent waren, deren Schreiben und Leben übereinstimmten. Thoreau ist einer der wenigen, die die Konsequenzen gezogen haben.

»Ich zog in die Wälder, weil mir daran lag, mit Bedacht zu leben, mich nur mit den wesentlichen Dingen des Lebens auseinanderzusetzen, um zu sehen, ob ich nicht lernen könnte, was es mich zu lehren hatte, um nicht, wenn es ans Sterben ginge, entdecken zu müssen, nicht gelebt zu haben.«

 

- Thoreau - Der Begründer des "zivilen Ungehorsams"

 

Ziviler Ungehorsam

In der Experimentierphase eines freien Lebens gab es jedoch einen Tag, genauer gesagt: eine Nacht der Unfreiheit. Im Juli 1846 wurde Thoreau auf dem Weg zum Schuster vom Konstabler des Ortes aufgefordert, endlich seine seit Jahren ausstehende Wahl- bzw. Kopfsteuer zu entrichten. Thoreau zahlte nicht - aus Prinzip, denn er befand, daß etwas faul war im Staate Massachusetts.

Erbost über die laue Haltung des Nordens in der Sklavenfrage, von den humanitären Lippenbekenntnissen auch eines so bedeutenden Senators wie Daniel Webster angewidert, dem letztlich die Aufrechterhaltung von Schutzzöllen und die Einheit der »Staaten« wichtiger waren als die Reinheit der politischen Moral, mochte sich Thoreau nicht länger aus dem Streit der Welt heraushalten.