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Quer durch die Worte kommen Reste von Licht. (Franz Kafka)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Auf ein keramisches Nilpferd

 

O tönerner Freund aus dem Tierreich!

Starkes Stück Kreatur! Stumm stehst du da

und hast doch so viel zu erzählen,

mächtiges Nilpferd! Abbild der ältesten

Rätsel des Ursprungs, der Schöpfung

dunkelfleckige Botschaft, ach

selige Sanftmut in ewiger Gegenwartsruhe,

wir sollten bisweilen stillschweigen wie du,

sollten dir einen Namen geben,

großes Tier aus den Flüssen.

 

Je mehr wir dich, kolossales Spielpferd,

verkleinert von Menschenhand, drehen und

wenden, um so mehr überrumpelst du uns,

füllig und plump, wie du bist

(du hast Reserven gebildet!),

keramischer Kumpel. Das haben wir gern:

vorne großmäuliges Schmunzeln,

spitzbübisches Schwänzeln hinten ...

 

Manchmal versumpfst du, wir wissen Bescheid,

wie herzhaft vermagst du zu gähnen!

Die riesigen Zähne zu zeigen! Gemütlich zwar

von Natur aus (du paßt zu den Deutschen),

kannst du, wenn nötig, sehr böse werden,

sehr laut, da fürchtet man deinen Zorn,

deine Bauchmuskulatur.

 

Wo du gewesen, führt breit eine Spur.

Bist aufgetaucht aus dem Strom der Zeiten,

stehst gesellig Modell beinahe träumerisch

schlummernd, dein Anblick, Nilpferd,

der du kein Nihilpferd bist, erfreut

und erheitert die Leute an Rhein und Elbe,

predigt: Mensch, Kopf hoch! Und: Bauch raus!

Und das ist beileibe nicht dasselbe!

 

O handliches Sinnbild des Ruhe-Stands,

rosa gesprenkeltes Kunststück der Erde

zwischen den Jahren, leblos nur scheinbar,

Stärke aus Wassern des Lebens, im Feuer

gehärtet: Behagen verbreite du, Nilpferd,

allüberall.

 

 

Aus: Tuchfühlung,1986