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Quer durch die Worte kommen Reste von Licht. (Franz Kafka)
     
   

Wiederbelebungsversuche

 
 

Wiederbelebungsversuche

Gedichte

 

Verlag der Manufactur, Horn 1980            Burkhart Weecke

138 Seiten

ISBN 3-88080-025-1

 

"Am Wochenende mache ich / mit der totgeschlagenen Zeit / und abgestorbenen Buchstaben / Wiederbelebungsversuche" heißt es in dem Gedicht Wochenplan, als ironische Absage zu lesen an alle technokratischen Bemühungen, den Menschen in Plänen, Systemen und Rastern zu reglementieren, zu speichern, ihn seiner Selbständigkeit zu berauben.

Lähmung und Starre sind freilich schon weit fortgeschritten; die Illusion, ausgerechnet die Poesie könnte daran viel ändern, gibt sich auch der Autor Feldhoff nicht hin. Dennoch stellt er hier über hundert Gedichte vor, der hypochondrischen Verzagtheit, der Droge Fernsehen, der beruflichen Erschöpfung abgetrotzt, die den Versuch wagen, poetisches Empfinden neu zu wecken, indem er z. B. als Hommage an frühere Dichter Motive von Rabelais oder Hoffmann aufgreift, Reminiszenzen an zeitgenössische Autoren gestaltet und lyrisch eigenständige Pendants liefert. Gemäß seinem musischen Motto "Ein Wort liebt das andere" behandelt er mit ausgeprägtem Sinn für Wortwitz und Sprachspiel Fundsachen des Alltags, verwertet Volksgut, frühe eigene Gedichte (Peter Härtling lobte an ihnen "Qualität und Genauigkeit"), wobei der Buchtitel nicht nur metaphorisch zu verstehen ist, sondern andeutet, dass Grenzsituationen zwischen Leben und Tod selbst thematisch werden. Feldhoff legt Wert darauf, daß seine Texte nicht, wie häufig modischer Poeterey vorgeworfen wird, beliebig, austauschbar sind; die Form, nach Goethe "ein Geheimnis den meisten", nimmt er ernst genug, um am Ende scheinbar spielerische, heitere Unverwechselbarkeit zu erreichen. Manches Engagement ist in seinen Gedichten, die er aber nicht als Mittel zum sozialdemokratischen Zweck versteht, eher ist es umgekehrt. Feldhoff setzt klare Prioritäten im Sinne von Enzensberger, der Gedichte, seien sie agitprop oder poésie pure, immer für einen Ausdruck von Nichtanpassung und Verweigerung hält.

Überraschend wieder die Vielfalt an gestalterischen Einfällen, Schreibweisen, die Integration verschiedener Sprachfelder, der assoziativ-experimentelle Wohlklang - Realitätsstücke, Kunststücke: zum stillen Lesen, lauten Sprechen und Weitersagen.

 

Eine große Spannweite und Abwechslung im Ganzen, die mich gefesselt und keinen Augenblick gelangweilt hat, zumal auch die sprachlichen und metaphorischen Mikroteile von seltener Frische und Unverbrauchtheit sind.

 Kurt Marti