Schriftgröße A A A A
Quer durch die Worte kommen Reste von Licht. (Franz Kafka)

 

Glatteneichen als literarischer Schauplatz

Karl Heinz Bohrer erinnert sich an seine Kriegstage im Westerwald

Wissen. Da ist ein Literaturprofessor, der von seiner Kindheit in Köln erzählt, von seiner Familie, die 1944 die bombardierte Stadt verlässt und Zuflucht sucht im Wissener Land. Anschaulich schildert er gleich zu Beginn seines Buches das Zerbersten deutscher Abwehrgeschütze. Nein, nicht von Hanns-Josef Ortheil ist diesmal die Rede, sondern von Karl Heinz Bohrer, dem international bekannten Kritiker und Theoretiker der schönen Literatur. In diesen Tagen feiert er seinen 80. Geburtstag.

Und alle Welt feiert sein jüngstes Buch, das autobiographische Prosawerk „Granatsplitter“. Es erzählt die Geschichte eines Jungen vom Beginn des Krieges über seine Jahre in einem elitären Internat im Schwarzwald bis zum Abitur 1953 und einem nachhaltigen Englandaufenthalt.

Bohrer gestaltet sein eigenwilliges Lebensbild aus der sich peu à peu erweiternden Perspektive des Jungen. Karl (der Vorname wird nur angedeutet) empfindet den Krieg nicht nur als Schrecken, sondern auch als Abenteuer und Faszination, so wenn Granatsplitter der Flak als funkelnde Steine vom Himmel regnen. Er sammelt die Splitter als Talismane und nimmt sie mit in den Westerwald nach Glatteneichen, wo er sich mit seinen Großeltern einquartiert. Die geschiedenen Eltern kommen gelegentlich zu Besuch.

Von den über dreihundert Seiten „spielen“ gut zwanzig in diesem Weiler, er bestand aus nur vier Häusern, schreibt Bohrer, „und war so aus der Welt, dass seine Bewohner, Kleinbauern mit zwei, drei Kühen und zuweilen einem Pferd, einem Handwerk nebenbei, den Namen des nächsten Ortes jenseits des Waldes aussprachen, als ob es sich um einen anderen Stern handele.“ Beim Abendessen am langen Holztisch saßen sie alle zusammen und schwiegen zumeist, man hatte halt nicht „die fixe Zunge der Kölner“.

Der 13jährige hat hier schulfrei, der Unterricht ist eingestellt worden. Glatteneichen – eine glättende Idylle? Keineswegs: Amerikanische Bomber fliegen übers Land Richtung Osten, und einmal stürzt eine viermotorige Maschine ab. Zum ersten Mal sieht Karl einen Schwarzen, was ihn mehr beeindruckt als die Tatsache, dass der „Negersoldat“ tot ist. Wie zuvor die Granatsplitter, fesseln ihn jetzt die schimmernden Patronengürtel. Und der Junge bewundert einen deutschen Leutnant, der mit seinem Häuflein Versprengter und letzter Munition gegen die anrückenden Amerikaner kämpfen will. Frauen und Kinder des Dorfes flüchten sich in den nahen Stollen der Grube „Engelszeche“ – der Junge trotzt der Gefahr durch die Jagdbomber und schleppt, in Stahlhelm und Stiefeln, die Milchkanne zu ihnen, ein Mariengebet auf den Lippen. Auch das Dorf Glatteneichen ist „aus seiner Stille hinter den Wäldern herausgerissen worden“. Doch dann Anfang Mai der Friede: Der Junge – und wohl doch eher der Ästhet Bohrer – nimmt das schöne Gelb des Ginsters wahr.

Der Autor nennt Wissen nicht beim Namen, spricht nur von der nahen Provinzstadt. Im Beichtstuhl ihrer Kirche geschieht dem Jungen hier etwas Widerwärtiges. Auf penetrante Weise versucht der Kaplan, ihn nach unkeuschen Einzelheiten auszuhorchen, mit der Folge, dass dem Jungen über Nacht der Glaube an Gott abhanden kommt. Aus Scham bleibt er auch einer im Weiler offenbar nicht unüblichen Vorführung des Geschlechtsakts fern, die eine Magd und ein Knecht vor der Dorfjugend in einer Scheune darbieten…

Die Glatteneichen-Episoden gehören zu den erzählerisch dichtesten Passagen des Buches. Hier findet sich auch das Motto für Bohrers späteres selbstbestimmtes Geistesleben, geprägt von Neugier und Offenheit: „Alles war plötzlich anders geworden, alles war zu erwarten.“ Wer heute durch Glatteneichen kommt, sieht eingangs ein großes Schild, auf dem es heißt: Pass op! He spillen ous Kenner. Nun weiß man also, dass einst ein Karl Heinz Bohrer als Junge hier auf seine Weise Krieg „gespielt“ und „aufgepasst“ hat.

                                                                  Heiner Feldhoff

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter. Erzählung einer Jugend.                                                     München 2012. Hanser Verlag. 317 S., 19,90

In: Rhein-Zeitung, Altenkirchen, 3.12.2012

Cover: Copyright 2012 Carl Hanser Verlag München

zurück