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Quer durch die Worte kommen Reste von Licht. (Franz Kafka)

 

Götz, K.O.: Ely

71 Kurzgeschichten mit 21 Zeichnungen von Rissa

Alsdorf: AWD Druck und Verlag, 2003. 244 S.; € 18

„Unbeweglich sitzt die dicke Nadja auf einem Schemel vor ihrer Haustür. Aus ihrem aufgespaltenen Rücken stürzt ein Wasserfall auf die Straße.“ So beginnt eine der surrealistischen Geschichten des K.O. Götz. Und auch in den 70 anderen Texten passieren einem Beobachter namens Ely die außergewöhnlichsten Sachen. Teils märchenhaft, teils moderner Fantasy sich nähernd, tun sich visionäre Welten auf, die nicht ins Schubladen-Denken von Logik, Moral und Physik passen, es sei denn, es sind die feurigen Schubladen à la Dalí. Auf Maler wie Dalí, Duchamp, de Chirico, Bellmer oder Max Ernst bezieht Götz sich in seinen Geschichten ausdrücklich.

K.O. Götz, geboren 1914 in Aachen, gilt selbst alter Meister der informellen Malerei. Seit 1975 lebt er in Wolfenacker im Westerwald. Schon früh beschäftigte er sich mit dem Surrealismus. Breton kannte er persönlich, die Dichter René Char, Hans Arp, Paul Celan publizierte der umtriebig kulturschaffende Götz kurz nach dem 2.Weltkrieg in Erstausgaben. Und er schrieb selbst; ein halbes Dutzend Gedichtbände sind im Rimbaud-Verlag erschienen.

Zum ersten Mal legt der mittlerweile hochbetagte Maler und Dichter jetzt einen Prosaband vor. Der Leser sollte alle Hoffnung auf vertraute Sinnstiftung fahren lassen, wenn ihm Mischwesen aus Organischem und Technischem begegnen oder ein Eseltreiber ohne Esel, ein etwas nervöser Milchmann oder fünf nackte Eulen. Die Figuren sind oft durch eine leicht dehnbare, elastische Haut mit- einander verbunden, die der Leser wie ein Trampolin für eigene Fantasiesprünge benutzen kann. Und doch bleiben alle diese Metamorphosen der Materie in unserer modernen Zivilisation mit ihren Handys, Tattoos, Klimaanlagen und Videokameras. Götz gestaltet traumhafte Verfremdungen und Verwandlungen, in denen Autoritäten verspottet, Tabus verletzt werden, Heiteres und Widerliches stehen dicht beieinander wie auch Gestank und Duft: „Stellenweise riecht es nach Nelken, nach Teer oder nach gar nichts“ – so lautet der letzte Satz.

Der Dichtermaler verzichtet auf jede malerische Ausdrucksweise, Götz’ Sprache ist eher kühl und einfach, das Unglaubliche steht da lapidar, nackt, ohne Zauber.

Aber aufregend, verstörend genug. Gleiches gilt für Rissas Zeichnungen: eigenständige Pendants von hintergründiger Ironie.

Zur Anschaffung empfohlen besonders da, wo es Leser gibt, die bereit sind, Elemente der modernen Kunst auch in der Literatur wiederzufinden und sich von ihnen anregen zu lassen.   

                                                              In: Die Bücherei, 2003, Koblenz

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