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Quer durch die Worte kommen Reste von Licht. (Franz Kafka)
 
 

Rheinland-Pfalz in Büchern

Rezensionen

Held, Annegret: Das Zimmermädchen: Novelle. - Hamburg: marebuchverl., 2003. - 249 S. - (marebibliothek: Geschichten vom Meer. Bd 7); ISBN 3-936384-06-1: ¤ 18,-

Die lebenshungrige 19jährige Carla jobbt als Zimmermädchen in der Friesenpension "Zum Deichgrafen" auf Langeoog, umsorgt alleinreisende ältere Fräuleins und vergafft sich in einen gutaussehenden Gast, einen Gynäkologen, der auf der Insel an einem Ärztekongress teilnimmt. Obwohl sie für sein Zimmer nicht zuständig ist, sieht sie sich hier aus verliebter Neugier heimlich um. Und so entstehen unter dem Dach der empörten Pensionsinhaberin Silke Sörensen Verwicklungen, die sich in der Trivialität des Allzumenschlichen über 250 Seiten hinziehen und selbst als Strandkorblektüre möglicherweise den einen oder anderen Lesenden vorzeitig abtauchen lassen. In "Mein Schatten, mein Echo und ich" (1994) hat Annegret Held dieselbe Geschichte auf ganzen fünf Seiten erzählt. "Das Zimmermädchen", allen Ernstes als Novelle etikettiert, gestaltet eine "unerhörte Begebenheit" nach den Wertvorstellungen der frühen 80er Jahre, von der Autorin ironisch an die "Goldköpfchen"-Welt ihrer Jungmädchenbücher angelehnt. Für die Langeoog-Atmosphäre sorgen ausgiebig Klischeebilder von Lale Andersen, vom Schimmelreiter, vom fliegenden Robert.
Wer Annegret Held von ihren anderen Büchern her kennt, zum Beispiel der "Baumfresserin", begegnet aber auch in diesem Werk den Tugenden dieser Erzählerin: ihrer Leichtigkeit und Frische, ihrer ehrlichen Sympathie für die sogenannten einfachen Leute, ihrer Herzlichkeit, ihrem Sinn für Situationskomik. "Ich verspürte den Wunsch, etwas wieder gutzumachen, mit den Mitteln, die einem Zimmermädchen zur Verfügung standen, vielleicht mit Wärme und Fröhlichkeit und besonderer Schrubbkraft etwas von ihrem Leiden abzuarbeiten", heißt es zu Beginn. Setzt man statt Schrubbkraft Schreibkraft ein, ergibt sich auf einmal eine programmatische Aussage und wohl auch eine Erklärung für die wachsende Popularität der Annegret Held.
Ihre Sprache ist gerade heraus, sie demaskiert alles snobistische Getue, nicht nur das von Ärzten. Und sie ist herrlich selbstironisch; diebisch freut sich die Autorin für ihre Carla, dass die entgegen dem gesellschaftskritischen Birkenstock-Codex ihrer Altersgenossinnen in Pumps herumstiefelt, mit dem Hintern wackelt und Knickse macht. Auch dieses Buch atmet Körperlichkeit und Authentizität, Klischees hin oder her.
Ihr Westerwälder Heimatdorf Pottum, das sie so sehr geprägt hat und von dem sie auch auf Langeoog nicht loskommt, liegt laut Klappentext bei Konstanz. Ob am Bodensee, am Wiesensee oder an der Nordsee: Annegret Held macht überall eine ansprechende Figur.

Heiner Feldhoff




 

 
 
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