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die bücherei

Rheinland-Pfalz in Büchern

Rezensionen

Weißenborn, Theodor: Insel im Strom: Gedichte, Gedanken, Gestalten. - Siegen: Böschen, 2001. - 304 S.; ¤ 23,-

Theodor Weißenborn, geb. 1933, ist bekannt als vielstimmiger suggestiver Erzähler und Gestalter wirkungsvoller, preisgekrönter Hörspiele. Auf der literarischen Klaviatur beherrscht dieser Wortvirtuose auch sämtliche Tonlagen der Lyrik. So hat Weißenborn jetzt aus früheren Werken ein denkbar eigensinniges Kompendium zusammengestellt, das neben Gedichten in Kurzzeilen gesetzte Sprüche, Aphorismen und philosophische Gedankenketten enthält.
Vom blauen Cover des dickpapiernen Buches blickt ein Guru-Dichter den Leser an, in Majuskeln verweist WEISSENBORN als Seher, als Künder auf eine "Insel im Strom", die "manchmal, wenn der Blick im Wasser ruht, Fahrt gewinnt ... und weltverloren" dahinzieht. Auf dieser meditativen Fahrt begegnen dem Leser spirituelle Leitbilder wie Yin und Yang, Tat tvam asi, Nirwana, Atman und Brahman, unio mystica. Und Obacht, es heideggert! Der metaphysischen Fracht entledigt sich der Autor gottlob hier und da durch Abstürze ins Zeitbedingte, ins Alltägliche samt Q-tips, Schuhcreme und Cola-Dose und einer "hilflosen Person" in der U-Bahn. Und Satire ist dabei: "Maria hat nicht geholfen" ist da auf einmal zu lesen oder die Attacke auf "Diplomkatholiken".
Ansonsten überwiegt ein litaneihaftes Einüben in die Dialektik von Sein und Nichts, Werden und Vergehen, Gut und Übel, Innen und Außen. Manchmal suchen Weißenborns Sinnsprüche nicht das paradox Absolute, sondern ein "tertium", ein Drittes, in dem das Relative, nämlich Komik und Tragik des mangelhaften Menschenlebens das Sagen hat. Vor dem dunklen Grund des Nichts, das komplementär zum Ganzen gehört (so sagt es der Weise), sehnt sich der normal Sterbliche nach lichterem Sein in der Liebe, im Glauben. Und der Dichter scheut sich nicht, therapeutische Ratschläge zu geben ("Du klagst, man quäle dich. - Ja, linderst denn du?"). Doch tautologische Definitionen wie "Das Sein des Nichts ist das Nichts des Seins" und umgekehrt könnten einem am Ende einen heiligen Schrecken einjagen. Dem Verschwinden des Humors im Leerlauf transzendenter Wortspiele beugt Weißenborn aber geschickt vor: Auf den wortlosen Schlussseiten gestaltet er visuelle Poesiebilder, in denen aus einfachsten Zeichen wie +, -, 0, eine sinnstiftende Leere entsteht. Sie zeugen von der Freiheit eines Geistesmenschen. Für den gilt im übrigen die Direktive auf S. 127: "Wenn du hinauswillst - da ist die Tür!"

Heiner Feldhoff

 
 
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