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Quer durch die Worte kommen Reste von Licht. (Franz Kafka)

 

Camus-Portrait, Öl auf Leinwand: Roland Puvion (ca. 1992)


                                     Camus-Portrait, Öl auf Leinwand: Roland Puvion (ca. 1992)

 

 

Paris,Algier - Die Lebensgeschichte des Albert Camus - 1. Kapitel

©  Heiner Feldhoff

 

Zwischen Sonne und Elend

Auf den ersten Blick könnte das Leben Albert Camus' als das eines vom Glück Begünstigten gelten: Wachsame Lehrer entdecken das Talent des Jungen, er hat frühe Erfolge als Journalist, als Theatermacher und als jugendlicher Held am Strand, in den Cafés und Dancings von Algier. Mit dreiundzwanzig Jahren die erste Buchveröffentlichung. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs steigt er auf zu einem geistigen Repräsentanten der Résistance, der die intellektuelle Diskussion auch der Nachkriegszeit wesentlich mitbestimmt. Verfasser von Bestsellern. Im Alter von nur vierundvierzig Jahren nimmt er den bedeutendsten Literaturpreis der Welt entgegen.

Und doch enthält auch seine Lebensgeschichte den Stoff, aus dem die Leiden sind: Armut, Krankheit, Berufsverbot, Exil, Bruch einer wichtigen Freundschaft, Verlust der Heimat. Politisch gerät er zwischen die Fronten. Schreibkrisen. Seine Theaterstücke erweisen sich zumeist als Fehlschläge. In Frankreich trägt ihm selbst der Nobelpreis Hohn und Spott ein. Schließlich im Alter von sechsundvierzig Jahren der Unfalltod.

Von den gegensätzlichsten Erfahrungen wurde das Leben Albert Camus' bereits in seiner Jugend geprägt. »Welch ein Mann wäre ich, wenn ich nicht das Kind gewesen wäre, das ich war«1, heißt es in seinen Tagebüchern. Welch ein Kind war Camus? In erster Linie ein Kind Algiers, ein Sohn jener Stadt, welche die Franzosen zur Metropole ihrer wichtigsten afrikanischen Kolonie gemacht hatten. Algerien war »das Land des Glücks, der Energie und des Schaffens, das im Herzen der Schönheit den Haß und die Verzweiflung trägt«2 (Camus).

Den einheimischen Arabern und Berbern, seit 1830 unterjocht, war die Schönheit ihres Landes nur ein schwacher Trost. Recht- und besitzlos, im Hinterland aus fruchtbaren Gebieten vertrieben und oft dem Verhungern ausgeliefert, wuchs in ihnen, noch fatalistisch gebremst, der Haß auf die Kolonisatoren, die in ihren weißen Villen auf den sonnigen Hügeln der Hauptstadt residierten. Zu diesen Privilegierten zählte die Familie Camus freilich nicht. Sie gehörte zu jener Schicht von Algerienfranzosen, die als einfache Arbeiter, als kleine Angestellte und Handwerker ein Leben führten, in dem Luxus und Eleganz Fremdwörter blieben, dessen Grundlagen aber (zum Beispiel Schulbildung und Gesundheitsfürsorge), im Gegensatz zum Los der muslimischen Bevölkerung, durch den französischen Sozialstaat gesichert wurden.

In einem dieser Arbeiterviertel Algiers, in Belcourt, wuchs Albert Camus auf. Hier lebte er mit seiner Mutter, die bei kolonialen Herrschaften putzen ging, da die Rente einer Kriegerwitwe nicht ausreichte. Neben der Mutter teilte er sein beengtes, düsteres Zuhause mit einem älteren Bruder, einer tyrannischen Großmutter und zwei Onkeln. Die Adresse Rue de Lyon Nr. 93 galt bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr - und blieb auch danach seine eigentliche Heimatadresse. An keinen Wohnsitz in seinem späteren Leben fühlte er sich fester gebunden, hierher kehrte er immer wieder zurück, zurück zu seiner Mutter, die dort wohnen blieb bis zu ihrem Tod im September 1960. Die ihn also überlebte. Die Nachricht, daß ihr Sohn den Nobelpreis für Literatur bekomme, erreichte die Mutter, die selbst weder lesen noch schreiben konnte, in dieser Dreieinhalbzimmerwohnung auf der Hauptstraße von Belcourt.

In einem Vorwort zu Licht und Schatten schreibt Camus, jeder Künstler besitze »in seinem tiefsten Inneren eine einzige Quelle, die sein Leben lang speist, was er ist und was er sagt«3. Seine Quelle sei jene Welt der algerischen Armut, des nordafrikanischen Lichtes gewesen. »Auf jeden Fall hat die herrliche Wärme, die über meiner Kindheit herrschte, keinerlei Ressentiment in mir aufkommen lassen. Ich lebte in beschränkten Verhältnissen, aber auch in einer Art Genuß. Ich verspürte unendliche Kräfte in mir und mußte nur herausfinden, wo ich sie einsetzen konnte.«4

Im Zentrum dieser lichterfüllten Armut stand seine Mutter. Zu ihr, die als Analphabetin, Schwerhörige und Sprechbehinderte wortwörtlich nicht das Sagen hatte, sondern zurückgezogen, schweigsam im Hintergrund lebte, fühlte er sich in einer Mischung aus Mitleid und Liebe hingezogen. Und wenn er später Schriftsteller wurde, so in der erklärten Absicht, stellvertretend für diejenige das Wort zu ergreifen, der versagt blieb, das, was sie dachte und empfand, zur Sprache zu bringen. Andererseits bewunderte er sie um den ihr eigenen natürlichen Stolz.

Ihren zweiten Sohn Albert brachte Catherine Camus, geborene Sintès, am 7. November 1913 zur Welt, nicht in Algier, sondern auf einem Weingut nahe Mondovi bei Annaba (früher Bône genannt) im damaligen ostalgerischen Departement Constantine. Dorthin war der Vater, Lucien Auguste Camus, Angestellter einer großen Weinhandelsgesellschaft, geschickt worden, um die Ernte und den Versand zu organisieren. Ein knappes Jahr später, der Erste Weltkrieg war ausgebrochen, wurde er zu seinem Zuavenregiment gerufen. Die Zuaven, die in ihrer orientalischen Uniform einen malerischen Anblick boten, galten traditionell als besonders tapfere Infanteristen.

Bereits in der ersten Marneschlacht wurde er verwundet und starb im Hospital von Saint-Brieuc, nachdem er zuvor noch eine Postkarte nach Hause hatte schreiben können. Catherine Camus brach unter dem Schock der offiziellen Todesnachricht zusammen, war fortan außerstande, geordnet und fließend zu sprechen, und überließ es ihrer Mutter, die auch Catherine hieß, die Richtlinien der Großfamilie in der kleinen Etagenwohnung zu bestimmen. Nur wenige Monate nach Alberts Geburt war die junge Mutter mit ihren beiden Söhnen nach Algier zurückgekehrt.

Das Lazarett schickte der Witwe neben militärischen Auszeichnungen einen kleinen Granatsplitter, den man in dem zerfetzten Körper gefunden hatte. Das kurze Leben des Lucien Auguste Camus war nicht sehr glücklich gewesen; sein eigener Vater, Baptiste Camus, ein einfacher Landarbeiter, war gestorben, als Alberts Vater gerade ein Jahr alt war. Konnten sich die vier älteren Geschwister nicht um ihn kümmern? Jedenfalls wurde der Kleine in ein Waisenhaus gesteckt, was er seiner Familie nie verzieh.

Als junger Mann fand er Unterkunft und Zuwendung bei den Sintès, die von den Balearen abstammten. Die drei Jahre ältere Catherine wurde 1909 seine Frau. Immer wieder hat Camus die spanische Komponente seiner Herkunft herausgestellt. Kam der eine Urgroßvater von Menorca, so stammte ein anderer, gleich zu Beginn der kolonialen Eroberung ausgewandert, aus Bordeaux - und nicht etwa aus dem Elsaß, wie Camus offenbar geglaubt hat. Über seinen Vater hätte er wohl gerne mehr gewußt. Ein vages Gefühl schlechten Gewissens beschleicht den Sohn, als er 1947 am Grab des Soldaten Lucien Auguste Camus steht, bereits älter geworden als der mit knapp neunundzwanzig Jahren Gefallene.

In der Kindheit Camus' hatte die herrische Großmutter die Vaterrolle übernommen. Der kleine Albert und sein drei Jahre älterer Bruder hatten unter ihrem Regiment einiges auszustehen. Nicht selten wurde die Großmutter handgreiflich und schlug mit dem Ochsenziemer drein. Von einer besonders verletzenden Episode berichtet Camus in Licht und Schatten: »Die alte Frau wartete, bis Besuch da war, um ihn dann mit streng auf ihn geheftetem Blick zu fragen: >Wen hast du lieber, deine Mutter oder deine Großmutter?< Das Spiel hatte noch mehr Reiz, wenn die Tochter selber zugegen war. Denn der Junge antwortete unweigerlich: >Meine Großmutter<, und empfand dabei in seinem Herzen ein großes Aufwallen von Liebe zu jener Mutter, die kaum etwas sagte. Es kam höchstens vor, daß sie dem über diese Vorliebe verwunderten Besucher erklärte: >Sie hat ihn eben aufgezogen.«5

Ein frühes Foto der Brüder Camus zeigt Lucien im Matrosenanzug, Albert im hellen Babykleid, beide in glänzendem Schuhwerk: ein Bild des Wohlbehütetseins.

Anders als Sartre, der in Les mots sein Aufwachsen inmitten von Wörtern, von Büchern, von elitärem Bildungsmaterial beschreibt, lebte Albert zu Hause in einer geistfeindlichen Umgebung, es gab bei ihm weder Bücher noch Zeitung, noch Radio. Auch die häusliche Kommunikation war auf den allernotwendigsten Wortschatz beschränkt. Die Familie, vom Brotlosen der Kunst und der höheren Bildung überzeugt, wünschte sich fleißige Handwerker. So mußte Alberts Bruder Lucien mit fünfzehn Jahren arbeiten gehen. In der Rue de Lyon gab's keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Heizung, kein Badezimmer, die Toilette lag auf dem Gang der Etagenwohnung und wurde von zwei anderen Familien mitbenutzt. Frisches Wasser mußte in Kübeln, die Onkel Etienne, der Böttcher, in seiner Werkstatt hergestellt hatte, vom hundert Meter entfernten Brunnen herbeigeschleppt werden. Camus selbst begnügt sich bei der Skizzierung des Armutsmilieus mit Hinweisen auf »das Licht der Petroleumlampe, das Wachstuch, das Gekeif, die Schimpfworte«6.

Wenn auch widerwillig, akzeptierte die Großmutter Alberts schulische Karriere: Grundschullehrer Louis Germain, der ihn im fünften Schuljahr übernahm, hatte die ungewöhnliche Begabung des Jungen erkannt und die Familie Camus aufgesucht, um sie für den Wechsel des Sohnes beziehungsweise des Enkels zum Gymnasium zu gewinnen. Er sei sicher, Albert werde die Aufnahmeprüfung bestehen. Zudem versprach er, sich für ein Bedürftigen-Stipendium einzusetzen. Erstaunlicherweise mischte sich die Mutter in diese Familienangelegenheit ein und unterstützte Germains Absichten. Wenn alles so funktionierte, wie sich der Lehrer das vorstellte, könnte Albert ja einmal selbst Lehrer werden. Die Fürsprache Louis Germains hat Camus stets als entscheidende Weichenstellung in seinem Leben empfunden und ihm immer wieder seine Dankbarkeit beteuert, ihm 1957 gar die Veröffentlichung der Nobelpreisrede gewidmet.

Das Tor zur Welt des Geistes war aufgestoßen. Da ihm jetzt täglich im »Grand Lycée« die Zugehörigkeit zur sogenannten Unterschicht bewußt wurde und ihn sein »spanischer Stolz« deutlich wahrnehmen ließ, daß seine höhere Schulbildung einem wohlfahrtsstaatlichen Gnadenakt zu verdanken war, schämte er sich seiner ärmlichen Herkunft, seiner Familie. Ob Albert wirklich einmal seine Mutter, die so unselbständig und schicksalsergeben dahinlebte, vor Spielkameraden verleugnet hat (er soll gesagt haben, sie sei tot oder in einem Heim)? In Heft 5 der Tagebücher (1945) bekennt er: »Wenn ich heute in schlichten Worten davon sprechen kann, so deshalb, weil ich mich jener Scham nicht länger schäme und mich nicht mehr verachte, weil ich sie einmal empfand. Ich habe diese Scham erst erlebt, als ich aufs Gymnasium geschickt wurde. Bis dahin waren alle wie ich, und die Armut schien mir die normale Luft dieser Welt zu sein. Im Gymnasium lernte ich den Vergleich kennen.«7

Gemischte Gefühle einer Kindheit zwischen Sonne und Elend, zwischen einfachem Leben und multikultureller Kompliziertheit: Aus dem Dunkel der Etagenwohnung stieg er hinab ins Sonnenlicht; in den weitläufigen Gärten, auf den Boulevards, während der halbstündigen Straßenbahnfahrt zur Schule und am Ende aller Straßen, am Meer, ließ er die familiäre Enge hinter sich; das Schweigen der Mutter tauschte er gegen das bunte Stimmengewirr der Menschen in den überfüllten engen Gassen der kleinen Leute, die in Belcourt oder im benachbarten Bab el Oued in Faßfabriken arbeiteten, in Destillerien oder im Hafen.

Hier lebten Franzosen, Spanier, Malteser, Korsen, Juden, Italiener, Griechen und auch Araber zusammen - scheinbar friedlich. Es gab in den Armenvierteln, den »quartiers pauvres«, keine Rassentrennung, die beiden Bevölkerungsschichten respektierten einander, auf der Straße spielten ihre Kinder zusammen. Die meisten Europäer, die Nordafrika betreten hatten und Algerienfranzosen geworden waren, hatten mit dem Kolonialprunk im Stadtzentrum, mit der vornehmen Welt auf den Höhen Algiers nichts gemein und lebten in materiell bescheidenen Verhältnissen. Im Mutterland wurden sie ein wenig spöttisch »Pieds-Noirs« genannt, »Schwarzfüße«.

Doch konnten sich die Algerienfranzosen, konnte sich die Familie Camus des Gratisreichtums erfreuen, den die geographische Lage, den das Klima unerschöpflich zu bieten hatten, während Araber und Berber, zu Menschen zweiter Klasse degradiert, oft ums nackte Überleben kämpfen mußten. Besonders in den ländlichen Regionen war die Versorgungslage katastrophal. Camus war dann einer der ersten Pieds-Noirs-Journalisten, der die Ursachen des Hungerskandals in der übervölkerten Kabylei aufdeckte.

Ein eklatantes Beispiel dafür, daß der Kolonialismus die arabische Lebensordnung zu zerstören drohte, da er sich ausschließlich an den Interessen Frankreichs orientierte, war der Weinanbau. Obwohl der Koran den muslimischen Gläubigen den Alkohol verbietet, stellte das Produkt Wein, dem auch der Vater Camus' seinen Lebensunterhalt verdankt hatte, ein Haupterzeugnis der algerischen Landwirtschaft dar, so daß dem Anbau von Getreide fruchtbarer Boden geraubt wurde.

Die Araber, die Berber waren zu Fremden im eigenen Land geworden. Allenfalls in der Kasbah, dem urarabischen Stadtkern (wo freilich schon Jahrzehnte zuvor die Ketchaoua-Moschee zur Kathedrale umgebaut worden war!), konnten sie sich einen Rest von Eigenständigkeit bewahren; hier war ihre Musik zu hören, in den Basarstraßen ihr Minztee zu trinken; »inmitten von Milz, Leber, Gekröse und blutigen Lungen« glaubte Camus das Mittelalter zu riechen. Eine andere Erinnerung Camus', die koloniale Wirklichkeit wohl zutreffender andeutend, beschreibt »die schläfrige Mittagsstille, wenn im Schatten der Bäume auf dem Gouvernementplatz Araber geeiste Zitronenlimonade mit Orangenblüten verkaufen«8.

Neben der Armut und der Sonne hat Camus immer auch eine dritte wesentliche Erfahrung genannt, die ihn geprägt hat: den Sport. Das Schwimmen im Meer war für ihn nicht nur eine Erfrischung des Körpers. Und dann der Fußball! Auf dem Schulhof wurde noch mit weichen Stoffbällen gespielt. Schon bald aber gehörte er der Jugendmannschaft der Universität Algier an - als Torwart. Obwohl seit 1924 Gymnasiast und ein lernwilliger Schüler, interessierte ihn der »ethische Unterricht«, wie er später den Fußballsport nannte, mehr als beispielsweise das Werk des populären Andre Gide, das ihm Onkel Gustave Acault, Metzgereibesitzer und Liebhaber der schönen Literatur, auslieh.

Dabei hat der Fußball, einer Erklärung von Walter Jens zufolge, mit der Poesie nicht allein das Gesetz der Selbsterschwerung, nicht nur den ständig bedrohten freien Raum gemeinsam, sondern auch die Eigenschaft, modellartig auf eine bessere Welt hinzuweisen, in der das Ich und die Gruppe übereinstimmen. Diese Identität sollte Camus später im Theater finden, denn das Fußballspielen mußte er von einem Tag auf den anderen aufgeben:

Mit gerade siebzehn Jahren hatte er einen Bluthustenanfall, und die erschreckende Diagnose lautete: rechter Lungenflügel tuberkulös. Alberts Angst, sterben zu müssen, war begründet. Der lebensrettende Wirkstoff Streptomyzin wurde erst 1944 entdeckt, und erst 1952 waren Medikament und Behandlungsmethode so weit entwickelt, daß Tbc kein tödliches Risiko mehr darstellte.

Im Mustapha-Krankenhaus, wo er als Kriegswaise unentgeltlich behandelt wurde, wandte man, wie damals üblich, die Pneumothorax-Therapie an. Bei diesem Eingriff wurde Luft in die Bauchhöhle geblasen, welche die krankhaften Hohlräume in der Lunge (Kavernen) »entseuchen« sollte. Patient Camus konnte gerettet werden. Unterstützt wurde der Heilungsprozeß durch einen Wohnungswechsel: Aus dem Krankenhaus entlassen, zog Albert bald in den Metzgerhaushalt der wohlhabenden Acaults. Hier hatte er mehr Ruhe, hier bekam er genügend Rind- und Hammelfleisch zu essen, was zu seiner Gesundung beitragen sollte.

Siebzehn Jahre hatte er im Armenviertel gelebt, mit Mutter und Bruder ein Zimmer teilen müssen, jetzt hatte ihn die Krankheit ins weiße Villenviertel befördert, wo er mit reichlich Kultur und Komfort versorgt wurde. Kurz vor seinem Umzug, also noch in der Rue de Lyon, besuchte ihn der Mann, dem Camus lebenslang die gleiche Achtung bewies wie gegenüber Louis Germain: der Studienrat und Philosophiedozent Jean Grenier. Diesem bedeutenden Pädagogen und späteren Professor für Ästhetik an der Sorbonne in Paris hat Camus nicht nur seinen Erstling Licht und Schatten, sondern auch das essayistische Hauptwerk Der Mensch in der Revolte gewidmet!

Der stolze, schamhafte junge Mann, aufgestört in seiner Armut und Kränklichkeit, schlug die ausgestreckte Hand des Besuchers aus, er vertrug kein Mitleid, kein Angebot zur »Nachhilfe«. Lieber würde er ein Schuljahr wiederholen, das Abitur also erst im Juni 1932 machen.

Die Kindheit in Armut war nun aber beendet. In der Obhut des Lebenskünstlers Acault fühlte sich der junge Mann wohl. Onkel Gustave, der sich halbe Tage im Café aufhielt, praktizierte einen Bohemienstil, der Albert imponierte. Das Erlesene im Milieu der feinen Verwandten war schon dem Knaben aufgefallen. Camus erinnert sich in seinem Tagebuch, daß man bei den Acaults vom »geflammten Steinzeug aus den Vogesen«, vom »Quimper-Service« gesprochen habe, während die Dinge in der Rue de Lyon keine Namen hatten: »Wir sagten: die Suppenteller, der Topf auf dem Kaminsims.«9 Der Abiturient kleidete sich auf einmal wie ein Dandy, das schlammbesudelte Fußballtrikot wechselte er gegen Schick und Eleganz in Weiß. Mit seinen Freunden flanierte er durch die Stadt, trank in einem maurischen Café der Kasbah, die sich unmittelbar an das Gymnasium anschloß, ein Glas Tee oder hing in schummrigen Hafenbars herum. Einem der Barbesitzer schlug er vor, sein Lokal »Den Freunden des Todes und der Lust« zu nennen.

Wieder lebensfroh und energiegeladen, entwickelte sich Albert allmählich zu der Persönlichkeit, der später jedermann »Ausstrahlung« attestierte. Jean Grenier hat als Erklärung einmal von einer Mischung aus Nonchalance und Stärke gesprochen. Schon in der frühen Freundesclique wirkte sein Charme verführerisch, hatte er die Lacher dank situationskomischer Einfälle auf seiner Seite, konnte er sich aber auch zu hochmütigen, ironischen Attacken hinreißen lassen oder durch melancholische Stimmungsschwankungen irritieren. Jetzt, unter Greniers Einfluß, las Camus Gides Tagebücher, noch nicht ahnend, daß er einmal mit diesem großen Dichter unter einem Dach wohnen würde, las auch dessen Traktat Uns nährt die Erde, las vor allem Nietzsche, der ihn sein ganzes Leben, ja buchstäblich bis in den Tod begleiten sollte: Am Unglückstag fand sich in seiner Aktentasche Die fröhliche Wissenschaft. Stark beeindruckte ihn der Roman Der Schmerz des heute nur noch wenig bekannten André de Richaud, den ihm Grenier zu lesen gab und in dem er seine eigenen Motive wiederfand: die Armut, die Schönheit der Abende, eine Mutter.

Das maßgebliche Vorbild war und blieb während des beginnenden Philosophiestudiums dieser Lehrer Grenier, der den fünfzehn Jahre Jüngeren in sein Privathaus einlud und ihm half, mündlich und schriftlich sich frei zu äußern. Hier begegnete Camus jemandem, der schrieb, ja der Geist und Kühnheit hatte, von sich selber zu schreiben. Grenier war es, der in Camus den Willen zu literarischem Schreiben weckte und ihm erste Bewährungsproben verschaffte, indem er ihn bei der Kulturzeitschrift Sud mitarbeiten ließ, wo Camus einige, noch schulisch anmutende Aufsätze publizierte. Der Abiturient verfaßte Gedichte und Prosaskizzen und kam schnell über das Stadium dilettantischer Fingerübungen hinweg; es gibt da seinen Bericht über den Aufenthalt in der Tuberkuloseabteilung des Krankenhauses, den Thomas Bernhard geschrieben haben könnte.

Nachdem der Zwanzigjährige aber die erzählerischen Essays Die Inseln von Jean Grenier gelesen hatte, entschied er sich definitiv, Schriftsteller zu werden.

In dem Nachwort zu einer späteren Neuauflage preist Camus dieses Lektüreerlebnis als ein Erwachen zur Kultur. Er und seine Freunde hätten damals die Gefühlswelt ihrer Lebensfreude, ihrer Lebensgier in Greniers Essays ausgedrückt gefunden, ergänzt, gesteigert durch eine andere Wirklichkeit: »das Mysterium, das Heilige, das Endliche des Menschen«. Gleich der erste schöne Satz war den jungen Männern in die Augen gesprungen: »Es existiert im ganzen Leben und besonders am Morgen des Lebens ein Augenblick, der über alles entscheidet.«10

Später erweitert Camus diese Aussage und spricht im Vorwort zu Licht und Schatten vom Menschenwerk als einem »langen Unterwegssein, um auf dem Umweg über die Kunst die zwei oder drei einfachen, großen Bilder wiederzufinden, denen sich das Herz ein erstes Mal erschlossen hat«11. Zu diesen Augenblicken, zu diesen Bildern gehört im Leben Camus' sicherlich das Schweigen der Mutter in ihrem schlichten, natürlichen Stolz - und welche anderen aus dieser »heftigen Kindheit«? »Die Träumereien des Jünglings im lärmenden Car, die Morgenstunden, die frischen Mädchen, der Strand, die jungen Körper, immer aufs äußerste gespannt, die leichte Bangigkeit des Abends in einem sechzehnjährigen Herzen . . .«12 Die große Bangigkeit, die den jungen Schwindsüchtigen überfallen hatte, war inzwischen einem entschlossenen Überlebenswillen gewichen. Es zog ihn zur Universität, es drängte ihn zum Schreiben, es drängte ihn zu einem schönen, extravaganten Mädchen.